Trotzdem wabern wieder Inflationsängste durchs Land. Grund genug, Deutschlands Nachkriegsgeschichte der Geldentwertungsraten näher zu betrachten (siehe Doku). In den vergangenen 50 Jahren betrug die durchschnittliche jährliche Geldentwertungsrate gerade einmal 2,4 %. Unter Einbeziehung der Standardabweichung bewegten sich die Preissteigerungsraten zwischen 0,3 % und 4,6 %. Die Obergrenze des „Inflations- Korridors“ von 4,6 % wird zwischen 1971 und 1975 mit Werten zwischen 5,4 % und 7,2 % überschritten.
Die 7,2 % aus dem Jahre 1973 ist der höchste Wert im gesamten 50-Jahres- Betrachtungszeitraum. Weitere Spitzenwerte ergeben sich für die Jahre 1980 bis 1982 mit Preissteigerungsraten zwischen 5,2 % und 6,4 %. Auffällig: in nur zwei recht kurzen Zeiträumen zu Beginn der 70er und 80er Jahre lief der Verbraucherpreisindex aus dem Ruder. Zur Bewertung mag man sich an 1923 erinnern: Als der Preis für ein Frühstücksei zwischen dem 17. September 1923 und dem 15. Oktober 1923 von 2,1 Millionen Papiermark auf 227 Millionen Papiermark stieg, war es gerechtfertigt, diese Entwicklung als Inflation zu bezeichnen. Im Verhältnis dazu ist heutige Geldentwertung kein Vergleich.
Die Steigerungsrate von 7,2 % im Jahre 1973 ist zwar Geldentwertung, aber keine Inflation. Die Wortwahl ist eher ein Indiz für unseren Hang zu maßlosen sprachlichen Übertreibungen, mit der leicht Hysterien geschaffen werden. Will man jetzt auch noch mit Inflationsängsten die Lebensversicherung madig machen, so wird es völlig absurd.
In den gesamten betrachteten 50 Jahren lag das Zinsniveau weit über der Inflationsrate. Dieser Realzins war deutlich positiv, im Schnitt lag er bei 4,1 %. In den vier Jahren der höheren Preise von 1971 bis 1975 stellte sich der Realzins auf 2,9 %, von 1980 bis 1982 auf 4,0 %. In beiden Phasen lag der Spitzenzins bei 10,6 %. An diese Zeiten erinnern sich wohl die Kapitalanleger der Lebensversicherer besonders gern. Damals haben sich viele Gesellschaften mit Hochzinspapieren über 10 bis 30 Jahre vollgesogen und davon mit hohen Überschusssätzen viele Jahre profitiert. Geldentwertung ist für Lebensversicherer sicherlich nicht erstrebenswert, weil das angesparte Vorsorgekapital der Kunden an Wert verliert. Die Entwicklung ist angesichts der hohen Zinsen, die mit hohen Geldentwertungsraten einhergehen, aber nicht nur negativ. Wertverluste der Kunden durch Geldentwertung werden durch höhere Zinsen und damit höhere Überschussbeteiligungen mehr als ausgeglichen.
Aber es ist wohl kein Zufall, dass durch Inflationshysterie der Verkauf anderer Produkte gefördert wird. So hat Gold das Image totaler Sicherheit. Warum eigentlich? Kaum ein Versicherer legt sich Gold in den Tresor. Es bringt keine Zinsen, aus denen man Überschussbeteiligungen oder Renten finanzieren kann. Man ist nur von Wertsteigerungen abhängig. Doch der Preis von Gold ist derzeit fast so hoch wie zu Beginn der 70er. Wo soll Preissteigerungsphantasie herkommen, wenn Notenbanken die weltweite Geldmenge wieder reduzieren und Afghanistan wirklich große, ungenutzte Goldvorkommen hat? Die Preise sind keine Einstiegspreise, die Rückschlagsgefahr ist hoch. Die Mehrwertsteuerproblematik macht die Anlage für Privatanleger zusätzlich schwierig. Mit Gold kann man viel Geld verlieren. Mit Aktien auch, wenn sich der Aktienpreis zu weit vom Substanzwert entfernt. Gleiches gilt auch für Immobilien. Der Wert selbstgenutzter Immobilien steigt laut Deutschem Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), wenn Bevölkerung und Masseneinkommen steigen. Doch hierzulande sinkt beides. Für den Vorsorgesparer besteht die akute Gefahr, in Inflationshysterien Opfer von Anbieterinteressen zu werden. Gold, Aktien und Immobilien werden gern schöngeredet und schöngeschrieben...
(map-fax 25/10))