Spannend, was die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK) herausgefunden hat: 40 von 48 privaten Krankenversicherern nehmen grundsätzlich keine psychisch kranken Menschen auf, so das Ergebnis einer Umfrage. Neun private Krankenversicherer lehnten laut Pressemitteilung der Kammer (nachzulesen unter www.bptk.de) die Aufnahme sogar dann ab, wenn die psychische Erkrankung erfolgreich behandelt wurde und schon Jahre zurückliegt. Etwa die Hälfte der PKV-Unternehmen nehmen zwar Menschen auf, die früher einmal psychisch krank waren, aber diese Erkrankung muss häufig fünf bis zehn Jahre zurückliegen.
Unsere Vermutung: Wenn die Kammer diesen Test bei Berufsunfähigkeitsversicherern machen würde, kämen wohl ähnliche Ergebnisse heraus. Der Versicherungsexperte wird auf den ersten Blick für diese Risikoprüfung und Risikoselektion Verständnis haben. Schließlich können Behandlungen seelischer Krankheiten langwierig und sehr teuer werden. Aber ist diese Politik der Personenversicherer wirklich so klug?
Glaubt man der aktuellen Forschung, so wird jeder dritte Mensch im Laufe seine Lebens psychisch krank. Ein erheblicher Teil dieser Kranken leitet nicht aus eigenem Antrieb seine Behandlung ein, sondern muss von anderen sehr deutliche Anreize bekommen. Und so verstreicht vom Auftreten erster Krankheitssymptome bis zur Behandlung viel Zeit. Jahre. Jahrzehnte. Besser wird es dadurch nicht. Ganz im Gegenteil.
Die Kosten einer viel zu spät eingeleiteten Behandlung steigen exponential. Die Folgen sind regelmäßig in unseren Studien zum Risiko Berufsunfähigkeit zu besichtigen. Auf diesen Schadenaufwand würden PKV und BU-Versicherer gern verzichten. Verständlich. Aber was passiert nun wirklich mit derart restriktiver Annahmepolitik? Man sortiert die Menschen aus, die eine seelische Krankheit schon einmal behandeln ließen. Und hat gute Chancen, überdurchschnittlich viele Kunden zu bekommen, die zwar auch psychische Störungen haben, sich aber noch vor einer Behandlung drücken. Im Gegenteil: Man verschafft ihnen noch mehr Ausreden, sich nicht behandeln zu lassen. „Dann bekomm ich ja keine PKV und keine BU mehr.“
Noch schlimmer wird es, wenn man Eltern diese Ausrede liefert, seelische Störungen ihrer Kinder nicht behandeln zu lassen. Hier haben die Versicherer möglicherweise ein teures Eigentor geschossen. In der Zahnmedizin und der Krebsvorsorge geht man den umgekehrten Weg. Hier schafft man gerade Anreize, rechtzeitig und regelmäßig zum Arzt zu gehen. Weil man längst erkannt hat, dass Schadenverhütung viel billiger ist als die Bezahlung unnötig teurer Schäden. Deshalb verweigert kein Feuerversicherer die Deckung für eine Lagerhalle, die abbrennen könnte. Er besteht auf dem Einbau einer Sprinkleranlage.
Das Problem psychischer Erkrankungen hat inzwischen solche Dimensionen angenommen, dass man zur Lösung nur konstruktive Lösungen gebrauchen kann, die den Menschen helfen. Es gibt diese Lösungen. Drückebergerei gehört nicht dazu.
(map-fax 33/06)